letters
# 47

An M.

Du warst eine von den stabilen Menschen, die wissen, wo es im Leben lang geht, und voller Selbstbewusstsein durch ihr Leben gehen. Du warst eine von denen, die sich von niemandem Angst einjagen lassen, die für das eintreten, was sie richtig finden und haben wollen und schon gar nicht eine von denen, die verzweifeln. Du warst das passende Gegenstück zu meiner Mutter. Ihr habt wie Puzzleteile zu einander gepasst, mit einem Rand, der für einander geschliffen war. Du hattest eine Kante, an der andere sich stoßen konnte, aber sie passte genau zu der Kante meiner Mutter.
Und plötzlich bist du nicht mehr dieses verlässliche Eckstück. Plötzlich bist du vom Puzzletisch gefallen und liegst auf dem Boden. Du bist noch nicht verloren, aber außer Sicht.
Ich konnte mich an dir orientieren. Bei dir war ich sicher, und vor allem sicher das Kind. Meine Mutter war bei dir sicher, und ich dachte, da ist so ein Orientierungseckstück für sie, so dass ich mich endlich davonstehlen kann. Und jetzt soll ich wieder einmal stark sein. Für andere da sein, obwohl ich doch erst einmal nur für mich selbst da sein wollte. Und wieder einmal diese Emotionen durchstehen.
Diesmal darf ich sie nicht beiseite drängen, das bin ich mir selbst schuldig, ich weiß es ja, was gut ist, aber es ist unangenehm. Ich muss sie durchleben und nicht wieder schlucken, weil ich sonst wieder daran ersticke. Also wieder diese Achterbahn, aber mir ist doch schon so schlecht. Bitte, Mama, ich will nach Hause, ich bin müde, und wenn ich schon wach bleiben muss, dann will ich lieber weiterpuzzlen, als kotzen zu müssen, weil du, du mit der ich hier rede, mir viel zu viel Süßkram gegeben und mich dann auf eine Achterbahnfahrt geschickt hast. Aber wer ist wer, hat nicht eigentlich meine Mutter mich mit in diesen scheinheiligen Vergnügungspark genommen, der mich glauben ließ, alles sei bunt?
Und das würde ich gerne sagen, aber du bist vom Tisch gefallen, und ich traue nicht, mich zu bücken, um dich zu suchen, um dich dann zu fragen, was dieser Scheiß soll. Ich habe Angst, dass mir davon noch schlechter wird. Das, was da wartet, wird noch viel steiler. Da, wo du hingefallen bist, gibt es keinen Puzzletisch und keine Vorlage und keine gebrannten Mandeln. Da, wo du hingefallen bist, ist es nicht bunt, ist es nicht schön, ist es nicht sicher. Da, wo du hingefallen bist, ist kein Ort, ist ein Nicht-Ort. Ist also kein Ort für diese ganzen Gedanken und für all die Vorwürfe. Ist kein Ort für meine Angst, diese scheiß Angst, die zwischen den Puzzleteilen plötzlich wieder herauskommt und mich ablenkt. Die Angst, dass alle um mich herum runterfallen, verloren gehen – und ich dann irgendwann auch.
Dieser Schwindel. Dieser große Schwindel.
26.10.12 17:42
 


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